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Prolog: Das ist ein langer, sehr langer Text geworden, weil komplexe Themen sich nicht in drei Sätzen abhandeln lassen. Daher hier eine Kurzzusammenfassung:

Wenn man das Grundwerk studiert, dass angehenden Verhaltensanalysten ABA lehrt (siehe Bild weiter unten) liest man nichts von all den zurecht angeklagten Haltungen Autismus heilen zu können oder sollen. Verhaltensprogramme dürfen dort explizit nur zum Wohle des Klienten (und nicht seiner Umwelt!) in Abstimmung mit seinen Bedürfnissen und niemals in entwürdigender Form durchgefüht werden. Das Werk zeigt die vielen hilfreichen Ideen, die einem helfen können Alltagsfertigkeiten zu erlernen, die gerade frühkindlichen Autisten helfen können ein gewisses (individuelles!) Mehr an Selbstständigkeit zu erreichen. Aber niemals auf Kosten von autistischen Bedürfnissen! Genau das haben leider einige Anbieter völlig ausgeklammert.
Und das sehe ich als Dreh-und Angelpunkt: Es bräuchte eine Therapieform, die die hilfreichen Ansätze der ABA-Grundform nutzt, aber immer durch die autistische Brille gesehen. wäre es da vielleicht eine Lösung noch mal ganz bei Null anzufangen, dieses so zusammenzustellen und von einem unabhängigen (auch finanziell!) Gremium zertifizieren zu lassen, dem selbstverständlich (!) auch autistische Menschen angehören? Diese so zertifizierte Therapieform könnte dann guten Gewissens von Ämtern und Stiftungen gefördert werden und auch Eltern hätten endlich einen guten Anhaltspunkt. Denn nicht jeder hat die Zeit und Energie sich durch ein 750-Seiten-Standard-Werk zu kämpfen... .

Also, ab hier für alle Interessierten in Langform:
Vor ein paar Jahren hat mein autistischer Sohn mal einer Klassenkameradin die Brille von der Nase gehauen und daraufhin hat die Lehrerin arg mit ihm geschimpft.

Sie tat das in der Annahme korrekt auf ein Fehlverhalten reagiert zu haben und mit den entsprechenden Konsequenzen es in der Zukunft zu minimieren. Bei einem neurotypischen Kind wäre das vielleicht auch eine richtige Vorgehensweise gewesen. Bei meinem Sohn war es falsch. Wie hätte Sie es besser wissen können? Mit dem Grundwissen von angewandter Verhaltensanalyse.

Denn dann hätte sie anhand einer Kontextanalyse sehen können,  dass das Runterschlagen der Brille eine Konsequenz auf die Unruhe im Klassenraum war die immer herrschte kurz bevor die Kinder von den Bussen abgeholt wurden. Die Lösung war diese Unruhe einzudämmen (also das Umfeld zu ändern), nicht ihm zu verbieten Brillen runterzuschlagen, denn das war nur ein Kommunikationsausdruck der Reizüberflutung und kein böser Wille. Und der nächste Ausbruch wäre vorprogrammiert, weil keiner die auslösende Situation im Blick hätte.

Also alles perfekt wenn nur alle  die Grundlagen von ABA beherrschen würden?

Hier lauert ein handfestes Problem: Menschen kommen mit ABA in Verbindung über Anbieter, die diese Grundlagen interpretieren ohne sie durch eine autismusgerechte Brille anwenden.

Vorzuwerfen ist vielen ABA-Methoden-Anbietern, dass sie sämtliche Vorlieben ausnutzen, um sie als Verstärker einzusetzen und erkennen  dabei nicht an, dass es Vorlieben gibt die für den autistischen Menschen existenziell und nicht verhandelbar sind und deswegen auch nicht Vorlieben sondern vielleicht existentielle Kompensationsbedürfnisse heißen sollten. Umso wichtiger ist es das Kind ganz genau zu kennen um genau zu wissen welche das sind um sie davon explizit auszunehmen. Gut ist es hingegen, wenn man mit Hilfe von ABA störende Umweltbedingungen erkennt und sie im Vorfeld minimieren kann so dass es an dieser Stelle zumindest keinen Bedarf an Kompensationshandlung notwendig wäre wie das Beispiel oben zeigt.

Dieser kurze Abriss zeigt bereits deutlich welch potentieller Segen und welch potentieller Fluch auf ABA liegt.

Aber von vorne und ich versuche so „sauber“ wie möglich zu argumentieren. Ob mir das immer gelingt weiß ich nicht (bin auch nur ein fehlbarer Mensch) aber ich würde mich freuen, wenn man mir zumindest die positive Absicht zugestehen würde.

Um zu überprüfen, was es mit ABA auf sich hat (ohne dabei  auf die Interpretation eines Anwenders der damit Geld verdient zurückgreifen zu müssen) habe ich mich durch dieses (leider nur englischsprachige) 750 (!)-Seiten-Werk durchgekämpft:

ABA ist erst einmal ein Überbegriff, der als Basis für unterschiedliche Methoden dient. ABA ist die Wissenschaft von menschlichem Verhalten und erst einmal weder ethisch noch unethisch sondern beschreibend. Es kann aber ethisch oder unethisch angewandt werden. Vertreter dieser unterschiedlichen Methoden haben teilweise sehr unterschiedliche Interpretationen und Empfehlungen daraus abgeleitet. Hier muss man aufpassen, dass nicht Methodenvarianten die sehr  sichtbar agieren diesen Überbegriff mit ihrer Interpretation belegen (so wie aus Tempo ein Gattungsbegriff für Taschentücher wurde).

In dem Fachbuch über ABA steht nichts von all den Dingen, die man manchem Anbieter zurecht vorwirft und die beendet werden müssen wie z.B.

  • Autismus kann/soll durch Umerziehung geheilt werden
  • dass Kinder in ihrem überwiegendem oder gar gesamten Wachzustand therapiert werden sollten
  • Kinder mit aversiven Methoden zu den Übungen gezwungen werden sollten (und es z.B. früher bei Lovaas der Fall war)

Wie insgesamt Autismus in dem Werk überhaupt keine zentrale Rolle spielt, ethisches Vorgehen aber sehr wohl. Ich zitiere: „Helping the client select outcoms and behavior change targets (like obtaining a job, establishing  a loving relationship, pursuing  personal goals, engaging in community-based activities and living independently). Ultimately, behaviors selected for change must benefit the individual, not the practitioner or caregiver. + All behavior change programs must be physically safe for all involved and contain no elements that are degrading or disrespectful to participants.”

Und es gibt ein ganzes Kapitel zum Thema ethisches Verhalten von professionellen Verhaltensanalysten. Weil ja, das sieht man an einigen Fällen die Methodik missbraucht wird und das ist klar wogegen angegangen werden muss.

Die Grundsätze hinter ABA wenden wir alle tagtäglich an. „Wir gehen nur auf die Kirmes, wenn Du Dich heute traust vom Beckenrand ins Wasser zu springen“ sagte meine Mutter zu mir vor ungefähr 35 Jahren.  Da die Verstärkung  (auf die Kirmes zu gehen)  für mich ein bisschen größer war als die Hürde (Angst vorm Wasser) sprang ich dann auch.  „Nur wenn…., dann...“ ein Klassiker aus Elternmund. Ich weiß nicht, ob diese Art zu „Dealen“ so alt wie die Menschheit ist, sicher ist sie aber älter als die aktuelle Diskussion um ABA als Autismusintervention. Grundsätzlich besteht unser ganzes Leben daraus zu erkennen, dass unser Verhalten stetig positive oder negative Konsequenzen nach sich zieht und dabei ist das Leben zu jeder Art Lebewesen nicht gerade zimperlich, aber immer mit „guten Absichten“ zu lernen wie man möglichst gut durchs Leben kommt: Wer im Dunkeln schnell durchs Zimmer läuft und dabei mit seinem Zeh gegen ein Stuhlbein stößt wird das nächste Mal den Weg zum Lichtschalter wesentlich besonnener angehen.

Wer diese Grundsätze aber bewusst studiert um anderen dabei zu helfen neue Verhaltensweisen zu erlernen übernimmt damit eine gesonderte Verantwortung. Und im Falle von autistischen Klienten die Verantwortung alles immer auch –soweit es eben möglich ist- durch die autistische Brille zu betrachten. Menschliches Verhalten hat spezielle Funktionen, die teilweise bei neurotypischen und autistischen Menschen deckungsgleich sind, sich teilweise aber auch erheblich unterscheiden und deren Fehlinterpretation entsprechenden Schaden anrichten können (wie die Missachtung autistische Spezifika wie repetitives Verhalten, fehlende Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten, Wunsch nach Kontrolle, Anerkennung der Besonderheiten die sich aufgrund der anderen Wahrnehmung ergeben….). Dabei können natürlich Betroffene selbst am besten Vermittlungshilfe leisten und das ist sicher in der Vergangenheit übelst vernachlässigt worden. Aber ich fürchte eben auch solange diese Fronten so verhärtet sind wird es auch aktuell schwer sein, diesen notwendigen Blickwinkel umfassend einbeziehen zu können, was ich sehr schade finde.

ABA in seiner deskriptiven Grundform beinhaltet hilfreiche Interventionen, auf die nicht umsonst auch Programme wie TEAACH (was ja mehr ist als nur strukturiert Bildkarten und Handlungsabläufe aufzuhängen) oder „Positive Verhaltensunterstützung“ zurückgreifen. Diese distanzieren sich auch gerne sehr explizit gegen ABA aber auch hier sehe ich wieder das Missverständnis: Sie sollten sich zurecht von den aversiven Methodeninterpretationen von ABA distanzieren, aber nicht von den Grundsätzen als solche auf die sie selbst aufbauen. Dabei handelt es sich neben den oben genannten Elementen Kontextanalyse und das Wissen welche individuelle Motivationen und Ängste jemand hat vor allem um Vorgehensweisen die es  (allen!) Menschen ermöglicht, schneller und einfach zu lernen:

  • Fehlerfreies Lernen (war DIE Offenbarung für meinen Sohn, der aufgrund einer begleitenden motorischen Einschränkung fast nie Erfolgserlebnisse hatte, wenn er alleine etwas ausprobierte und es dann schnell frustriert lies, eben wie jeder Mensch reagieren würde).
  • Die notwendige Hilfe/Unterstützung so zu dosieren und kontinuierlich zu reduzieren um es schließlich ganz auszublenden, dass das das Kind immer ein Erfolgserlebnis hat.
  • Mischen und Variieren von Aufgaben und Abwechseln der Aufgabenschwierigkeit.
  • Wissen wie man die Motivation aufrecht erhält
  • Abwechseln der Unterrrichtsarten mit dem Schwerpunkt auf Unterrichten in natürlicher Umgebung und wenn es sich gerade spontan passend ergeben sollte.
  • Zerlegen von komplexen Handlungsabläufen und aber auch Kommunikation in händelbare Teile je nach aktuellem Entwicklungsstand und in einer „Rückwärtsverkettung“ vom Leichtesten zum Schwierigerem (chaining) oft in Kombination mit Schrittweiser Annäherung an einzelne Fertigkeiten (shaping).
  • Eine umfassende Verhaltens- und damit Kontextanalyse zeigt auf, wo man das Umfeld bereits so im Vorfeld ändern kann, dass es für das autistische Kind möglichst hilfreich und stressfrei ist. Wenn man das Umfeld schult darauf zu achten wird auch  das Kind entlastet.

All diese Punkte korrekt angewendet kann man anderen dabei helfen lernen zu lernen. Und nein, man kann es nicht oft genug betonen: NICHT zu lernen möglichst nicht mehr autistisch  zu wirken, sondern lebenspraktische Fertigkeiten zu lernen, die der eigenen Selbstständigkeit dienen wie z.B. sich anzuziehen, Bedürfnisse zu kommunizieren,.... .
Doch dafür muss man selbst erst mal diese Elemente beherrschen. Auch das ist erlernbar aber dafür braucht man selbst einen guten Lehrer und man selbst muss selbstreflektierend und demütig sein. Leider ist das nicht so oft der Fall.
Ein paar Kurse machen eben aus Eltern keine ausgebildeten Therapeuten. Warum auch? Eltern sollen Eltern sein. Und da gehört es sowieso dazu seine Kindern zu fördern, nicht weniger aber auch nicht mehr. Der Begriff Förderung würe m.E. den Blick besser lenken: Du Elternteil kannst das Grundwissen von ABA nutzen, um Deinem Kind zu helfen die Alltagsfertigkeiten zu erlernen, die für ihn von der Entwicklung als nächstes her möglich sind (wie es alle Eltern von allen Kindern tun (sollten)). Du bist kein Therapeut um irgendetwas zu heilen.
Daher gibt es auch die vielen üblen Videos die anscheinend ABA in der Anwendung zeigen. Wie das auf Twitter verlinkte Beispiel wo eine Tochter ein Schwein im Malbuch ausmalen soll. Was man sieht ist ein Video, wo eine Mutter Ihre Tochter penetrant anhält es auszumalen. Was man NICHT sieht ist ABA. Höchstens das, was irgendwelche Anbieter dafür halten. Es heißt man kann aus einem Pinguin keine Giraffe machen. Aber genauso wenig macht man aus einer Pinguin-Methode eine Giraffen-Methode nur weil man den Aufkleber „Giraffe“ drauf klebt.

Daher möchte ich zusammenfassen warum es nicht der Weg ist ABA zu verbieten sondern es für Eltern und Ämtern direkt sichtbar sein müsste, ob ein ABA-Anbieter autismusgerechten Anforderungen entspricht oder nicht:

ABA ist erst einmal ganz neutral die Wissenschaft die beschreibt, nach welchen Gesetzmäßigkeiten menschliches Verhalten funktioniert. Diese Gesetzmäßigkeiten bieten viele hilfreiche Erkenntnisse, wenn Menschen neue Verhaltensweisen erlernen möchten. Das kann man auch und gerade beim Unterrichten von autistischen Kindern nutzen, vor allem wenn eine Lernbehinderung vorliegt. Dabei muss man aber stets die autistischen Besonderheiten im Blick haben. Damit gewährleistet ist, dass alle Anbieter mit diesen Mindestanforderungen entsprechen müsste es eine entsprechende Zertifizierung geben an deren Kriterienfestlegung autistische Menschen beteiligt sein müssen.
Nach meinen Recherchen würde das Konzept der "Postiven Verhaltensunterstützung" nach Prof. Dr. Georg Theunissen einer solchen Idee am besten entsprechen. Vielleicht wäre es ja möglich sich hier auf einen bundesweiten Standard zu einigen?!
Wie hier auch bereits sichtbar scheint ein Therapie-Name in dem der Begriff ABA nicht vorkommt notwendig um sich von den Anbietern zu unterscheiden, die ABA in einer autismusfeindlichen Form interpretiert haben. Nichtsdestotrotz - und ich hoffe das ist bei den Ausführungen klar geworden - baut es auf den Grundgedanken einer angewandten Verhaltensanalyse auf.

Und parallel gilt es noch ein anderes Thema zu treiben (für alle die gerade genug Energie in sich verspüren): Eine inklusive Gesellschaft würde nicht alle Hilfsangebote für Autisten obsolet machen, aber alle „Heilsversprechen“ eliminieren, die einen Anpassungsdruck erzeugen. Denn eine Gesellschaft die sich inklusiv verhält, nimmt alle Menschen und so auch den autistischen so an wie er ist und es braucht.

Leider ist das zu einem Zeitpunkt wo Inklusion allein darauf reduziert ist, dass man die Förderschulen abschaffen will und fortan alle Kinder in Regelschulen stecken will (finde den Fehler!) keine Option auf die man derzeit bauen kann. Eltern wissen also, dass ihr Kind derzeit (noch?) auf eine autismusfeindliche Umwelt treffen.

Ich beende meinen Beitrag mit meinem Lieblingszitat eines Neurobiologen – und das gilt für alle Lebewesen: „Die Welt da draußen kennst Du nicht, Du bist noch nie da gewesen, nicht mal zu Besuch. Du warst immer nur in Deinem Kopf“. Wenn wir alle das in seiner Tragweite auch nur annähernd akzeptieren würden, wäre vielleicht ein bisschen mehr Toleranz und Verständnis im Austausch möglich.Den würde ich mir auch bei diesem Thema wünschen zum Wohle der Betroffenen.